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Zeitgeschichte: Co-Autorin von "Schindlers Liste" spricht vor CDU-Wirtschaftsrat über    zurück

                          die Entstehung des Buches Heppenheim.

 

Der Industrielle Oskar Schindler war ein außergewöhnlicher Mann für außergewöhnliche Zeiten. Das betonte Professor Viktoria Hertling, Direktorin des Center for Holocaust, Genocide and Peace Studies an der Universität Reno (USA) am Donnerstagabend in Heppenheim. Hertling, Co-Autorin des Buches "Der rettende Weg - Schindlers Liste" sprach auf Einladung der Bergsträßer Sektion des CDU-Wirtschaftsrates. Der im Buch berichtende Zeitzeuge Mietek Pemper konnte leider nicht an der Veranstaltung teilnehmen. Brian Fera, Sektionssprecher des Wirtschaftsrates Bergstraße und Gastgeber der Veranstaltung im Wicom-Forum im alten Heppenheimer E-Werk, betonte die große Breitenwirkung, die der Fall Schindler durch den Spielfilm "Schindlers Liste" von Steven Spielberg erhalten habe. Doch nicht alle Ereignisse, die aus filmischen Gründen zum Beispiel der Dramaturgie oder Stringenz nötig waren, haben sich in der Realität auch so zugetragen. "Der rettende Weg" ist ein Versuch, die "wahre Geschichte" der Liste zu erzählen. Das Buch, 2005 im Verlag Hoffmann und Campe erschienen, schildert das Leben des jüdischen Stenotypisten Mieczslaw oder kurz Mietek Pemper. Pemper, am 24. März 1920 geboren und in Krakau aufgewachsen, war einer der Juden, die in Kontakt zum Lagerkommandanten des Arbeitslagers Krakau-Plaszow und in Verbindung zum Industriellen Oskar Schindler standen. Hertling, die als gebürtige Deutsche vor 40 Jahren in die USA auswanderte und dort vor fünfzehn Jahren in Reno (Nevada) ein Institut zur Erforschung des Völkermords ins Leben rief, traf Pemper in Deutschland und stieß beiläufig auf seine Geschichte. "In den USA bin ich nie über den Namen Pemper gestolpert", sagt Hertling.
Doch das, was der ältere Herr, der seit 1958 in Augsburg lebt, zu berichten hatte, fesselte die Forscherin aus den USA. Pemper zeichne sich durch "ungeheure Wahrheitsliebe und Bescheidenheit" aus, betont Hertling. Mietek Pemper, der die Ereignisse des Dritten Reiches in Polen als Zwanzigjähriger erlebte, hatte viele Jahre geschwiegen. Zu groß sei die Angst gewesen, man könne ihm mangels akribischer Quellenarbeit vorwerfen, er verdrehe die Geschichte. Doch da es ihm bei seiner Aufarbeitung der NS-Geschichte in erster Linie um Aussöhnung ging, war diese Angst unbegründet. Dennoch kostete es Viktoria Hertling einiges an Überzeugungsarbeit, Pemper für das gemeinsame Buch zu gewinnen, das Hertling und Marie Elisabeth Müller aufgezeichnet haben. Pemper hatte zwar Regisseur Steven Spielberg während der Dreharbeiten Hinweise zur Entstehungsgeschichte der Liste gegeben, doch konnten diese nach Abschluss des Drehbuches nicht mehr in den Film einfließen. Pemper sieht den Film allerdings auch nicht als unerlaubte Geschichtsverdrehung, sondern gesteht Spielberg aus filmischen Gründen die Zuspitzung zu. Vehement spricht sich Viktoria Hertling aber gegen den Historiker Richard Crowe aus, der die These aufgestellt habe, dass Oskar Schindler "absolut nichts" mit der Entstehung der Liste zu tun hatte. "Liste wurde nicht von Schindler diktiert" "Die Liste wurde weder von Schindler diktiert noch von Izak Stern getippt", räumt auch Hertling ein. Doch sei Schindler im Laufe des Krieges vom auf Profit bedachten Industriellen zum großherzigen Retter geworden, dem allerdings zugearbeitet wurde. Wichtige Informationen über das Schicksal der Juden stammten dabei von Mietek Pemper, der in Plaszow persönlicher Häftling und Stenotypist des Lagerkommandanten Amon Göth war.
Als Pemper verhaftet wurde und seine Stellung verlor, holte Oskar Schindler ihn in die Reihen seiner Arbeiter. Die Vorarbeiten zur Liste entstanden aus dieser Zusammenarbeit zwischen Pemper und Schindler in den Jahren 1943 und 1944. Letztlich existierte nicht "die eine Liste", sondern "Schindlers Liste" in drei Versionen. Die erste aus dem Lager Plaszow gilt als verschollen. Spricht man daher von der "Liste", ist das Exemplar aus dem Lager Brünnlitz gemeint, das nach Schließung von Plaszow über den Umweg des Lagers Groß-Rosen dort entstanden war. Möglich wurde die Liste nicht ohne die Zusammenarbeit mit höchsten Stellen in Berlin und Oranienburg. Schindler habe mit Wehrmacht und SS verhandeln müssen, weil rund 1200 Menschen nicht einfach aus den Lagern verschwinden konnten. "Durch Geschenke und Aufmerksamkeiten und Geschenken" habe Schindler versucht, die Offiziellen für sich einzunehmen. Dass er dabei sein Vermögen von fünf Millionen Reichsmark einsetzte, wertet Hertling als deutlichstes Zeichen, dass für Schindler nicht das Finanzielle, sondern die Rettung der Menschen im Zentrum stand. Für Brian Fera, den Sektionssprecher des Wirtschaftsrates an der Bergstraße, ist das Thema deshalb so interessant, weil es die Verantwortung eines Unternehmers auch für Fragen fernab der Wirtschaft zeigt. Zudem wolle sich der Wirtschaftsrat, dem hessenweit rund 1100 Unternehmer angehören, gegen Extremismus von linker und rechter Seite positionieren.
Den Zuhörern im alten E-Werk bescherte dieses Engagement einen spannenden Abend mit anschließender reger Diskussion. lev



Hintergrund
Die Geschichte hinter der Liste
Heppenheim. Unter der laufenden Nummer 655 verzeichnet die unscheinbare Liste den Buchhalter und Stenotypisten Mietek Pemper, geboren am 24. März 1920. Wie für viele andere polnische Juden war diese Liste, bekannt als "Schindlers Liste", die Rettung vor den Nationalsozialisten. Möglich wurde sie durch den Einsatz des Emaillefabrikanten Oskar Schindler, der in Krakau produzierte, und die Vorarbeit des Häftlings Mietek Pemper im Lager Krakau-Plaszow. Pemper ist heute 88 Jahre alt, engagiert sich aber immer noch für die Verbreitung der "wahren Geschichte" hinter der Liste von Oskar Schindler. Der seit den fünfziger Jahren in Augsburg lebende Pemper hat mit der deutsch-amerikanischen Professorin Viktoria Hertling ein Buch geschrieben, hält Vorträge und hat sich dafür eingesetzt, dass zum 100. Geburtstag von Oskar Schindler Anfang April 2008 eine Sondermarke der Deutschen Post erscheint. lev